Mord & Kaffee schwarz

Leise wurde die Tür aufgeschoben, diffuses Licht warf Schatten in merkwürdigen geometrischen Mustern auf verstreut liegende Gegenstände. Tuben, Werkzeuge, Stifte, Pinsel. Eine Werkstatt. Eine Staffelei und aneinandergereiht stehende Keilrahmen – eine Werkstatt, ein nächtliches Atelier. Es roch nach frischen Ölfarben und einer heruntergebrannten Kerze, die den kleinen Raum bis vor Kurzem mit goldgelbem Licht erfüllt haben musste. Ein tiefer Atemzug war zu hören. Ein zweiter. Jemand schlief, den Kopf auf die Hände gelegt, auf der Kante eines klapprig wirkenden Tisches. Die hinter dem Schläfer stehende Gestalt zog einen langen Gegenstand aus einer Tasche der eng anliegenden schwarzen Softshelljacke. Eine lange, schmale Klinge glänzte verschwörerisch im schwachen Licht, das durch die lange Fensterfront und das Dachflächenfenster hereinfiel. Tagsüber war der Raum lichtdurchflutet und sicher ein Traum für kreatives Arbeiten. Doch in einer mondlosen Nacht und mit all den Büschen und Bäumen, die das Licht der nächsten Straßenlaterne nahezu erfolgreich von hier fernhielten, konnte man mit etwas Glück gerade noch die eigene Hand schemenhaft erkennen. Nach einer Weile gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit. Die Bewegung war schnell und fließend, als der Kopf des Schlafenden an den Haaren hochgerissen wurde und das Messer mit einer kraftvollen Geste seinen Weg durch die Kehle des Opfers fand. Ein furchtbares, röchelnd-blubberndes Geräusch erfüllte den Raum, Dinge fielen zu Boden, herabgewischt von Armen, die nach dem Leben griffen. Irgendwo zersprang Glas. Der Geruch von Terpentin stieg auf. Mit der Eleganz eines Mehlsacks sank der leblose Körper zu Boden, das Röcheln wurde leiser und erstarb. Ein dunkler See kroch über den Linoleumboden, saugte sich in farbgetränkte Tücher und handbeschriebenes Papier. Ein weiteres Tuch gesellte sich dazu, herabgeworfen, nachdem die überlange Klinge das auskühlende Blut daran abgegeben hatte. Und dann begann das Spiel.

***

Volker kniff die Augen zusammen, wollte das schrillende Geräusch ausblenden. Er drückte sein Gesicht in Susis Haare, bis er begriff, dass sein Diensttelefon klingelte. Oh nein. Susi murmelte mürrisch im Schlaf und Volker beeilte sich, den Anruf entgegenzunehmen. Er brummte etwas, stolperte aus dem Zimmer und schaffte es schließlich, noch schlaftrunken zu antworten.
»Ja bitte? … Brunner, was ist los? … Ernsthaft? … Ja, schon gut, ich bin gleich auf dem Weg. Wo muss ich hin? … Wohin?«
Volker wankte zurück ins Schlafzimmer und suchte im Dunkeln nach Hose und Pullover, um Susi nicht zu wecken. Er würde ihr gleich einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen. So wie Kommissar Brunner, sein bester Mann im Team, geklungen hatte, würde das länger als bis zum Frühstück dauern. Er ertastete etwas, das sich vage anfühlte wie ein eingerolltes Paar Socken, nahm die Jeans und den Pullover, die er neben dem Bett gefunden hatte, stieß mit dem Zeh genau an die Türkante und fluchte. Susi murmelte irgendetwas Unverständliches und Volker humpelte zur Tür hinaus.

Eine halbe Stunde später lotste ihn das Navi in eine dunkle Wohnstraße. Hohe Bäume und struppiges Buschwerk auf mehreren der Grundstücke verschlangen den Großteil des wenigen Lichts, das aus nur jeder zweiten der trüben Straßenlaternen sickerte. Volker stieg aus dem Wagen und beeilte sich, seinen Mantel vom Rücksitz zu fischen. Wo war nur sein Schal geblieben? Vermutlich hing der noch warm und kuschlig über der Stuhllehne, wo er ihn gerade noch gesehen hatte. Verdammt. Aber so wie er Brunner verstanden hatte, mussten sie sowieso ins Haus.
»Da sind Sie ja!«
Volker fuhr herum und stand fast Nasenspitze an Nasenspitze mit Brunner, der leicht verdutzt dreinsah.
»Morgen«, sagte dieser.
»Morgen. Sagen Sie mal, was ist denn passiert?«
»Mord im Glashaus, Chef.«
»Ach was?«
»Ja, eine ziemliche Sauerei.«
Volker zog die Augenbrauen hoch. Was war in dem sonst so friedlichen Städtchen und dem umliegenden Landkreis denn nur los?
»Nun denn … Wissen wir schon was?«
»Achim Carstens. Ihm wurde offenbar in seinem eigenen Haus die Kehle durchgeschnitten.«
»Ja wo denn nun? Im Haus? Im Glashaus?«
»Beides. Also …«
Volkers Augenbrauen waren bereits am Anschlag, also bedeutete er mit den Händen, Brunner sollte nun endlich zum Punkt kommen.
»Es gibt am Haus einen Wintergarten, der offenbar als Werkstatt oder sowas ausgebaut ist. Dort wurde er wohl umgebracht und auch gefunden.«
»Ah.«

So langsam formte sich ein Bild in Volkers Kopf. Aber eine Werkstatt in einen Wintergarten einzubauen war schon unkonventionell. Die meisten Männer werkelten in der Garage oder im Keller. Aber gut, immer mal was Neues.
»Fehlt irgendwas? War es ein Raubüberfall?«
»Wir sind noch dabei, aber auf den ersten Blick sieht alles eher unangetastet aus. Bis auf das Opfer und die Werkstatt, wo er gefunden wurde.«
»Na dann wollen wir mal.«
Volker drehte sich um und umrundete das Auto auf dem Weg zum Hauseingang, an dem bereits zwei Streifenbeamte Spalier standen.
»Vorsicht!«
Brunners Stimme ließ ihn innehalten und er schaute sich zu ihm um. Brunner deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den Boden neben dem Eingang und Volkers Blick folgte der Bewegung.
»Uäh. Ach Brunner, wie viele Tote haben Sie jetzt schon gesehen?«
»T’schuldigung.«

Volker umrundete großräumig den Fleck und stand gleich darauf in einem in Weiß gehaltenen Eingangsbereich. Schon sehr modern für ein Haus, dessen Baujahr Volker in etwa auf Mitte der Siebziger geschätzt hätte. In unregelmäßigen Abständen hingen quietschbunte Bilder – moderne Kunst, oder wie sich das schimpfte. Volkers Augen begannen beinahe zu tränen. Im nächsten Raum sah es dafür ganz anders aus. Offenbar ein Wohn- und Esszimmer. Mit dem kleinen Specksteinofen machte es einen sehr gemütlichen Eindruck. Viel Holz und warme Farben, dazu einige völlig andere Bilder. Reale Szenen, fast … Wie nannte sich das? Naturalistisch? Nicht ganz wie fotografiert, aber nahezu. Straßenszenen. Zwei Frauen unterhalten sich irgendwo in einer Stadt. Ob des krassen Gegensatzes blickte Volker sich mit hochgezogenen Augenbrauen um. Er wollte endlich das Dienstliche hinter sich bringen, er war so etwas von reif für einen Kaffee. Sein Trick im Job war, nach Möglichkeit nicht zu frühstücken. Aber das würde er Brunner erst bei einer Beförderung verraten. Oder, wenn es ihm zu bunt wurde. Vielleicht hätte er es ihm im Flur sagen sollen.

Jenseits eines Raumteilers standen unzählige Pflanzen vor einer Fensterwand, hinter der allerdings nicht die freie Natur, sondern ein wahres Chaos herrschte: verschiedene Gegenstände, Staffeleien, Keilrahmen und diverser Kleinkram wie Farbtuben, Pinsel und alles, was man wohl noch so brauchte. Volker atmete noch einmal tief durch, dann schritt er entschlossen los. Er durchschritt die Schiebetür, die in das Wintergartenatelier führte und schluckte. Gerinnendes Blut und Terpentin. Was für eine widerliche Mischung. Er dachte ganz fest an seinen Frühstückskaffee, atmete flach und hoffte, dass es – wider aller Hoffnung – ein ganz einfacher Fall sein würde. Ehefrau erschlägt Ehemann aus Eifersucht. Ach nein, lieber nicht. Das war beim letzten Mal schon viel zu aufregend gewesen. ›Oberst von Gatow mit dem Kerzenleuchter in der Bibliothek.‹ Oder eher ›unbekannter Täter mit dem Messer im Wintergarten‹. Ein unbekannter, aber vermutlich auch perverser Täter.

Was zur Hölle …? Volker drehte sich einmal im Kreis, versuchte, jedes Detail wahrzunehmen. Die Leinwände, die Fenster, die Tischplatte und alle anderen Oberflächen, die Farbpaletten, die herumliegenden Notizbücher, die Zeichenblöcke. Alles, was in irgendeiner Art beschreibbar war, war vollgeschrieben. In Blut. Volker presste die Lippen aufeinander. Gut, das Frühstück war damit gestorben. Er schüttelte den Kopf.
»Brunner? Haben wir schon alles im Bild festgehalten?«
»Bild im Bild?«
»Sehr witzig. Aber ja, einmal alles fotografieren und am besten noch zwei Durchgänge mit der Videokamera. Mich würde interessieren, was hier steht und von wo nach wo der Text geht.«
»Ich werd’s der SpuSi sagen.«
»Danke. Haben Sie vielleicht etwas entziffern können?«
»Ich hab es noch gar nicht versucht«, entgegnete Brunner geschlagen.
»Schon in Ordnung. Hätte ja sein können.«
Volker zog ein Paar Latexhandschuhe über und nahm eines der kleinen beschriebenen Blätter in die Hand. Er drehte es vorsichtig erst in die eine, dann in die andere Richtung im Versuch, die fremd anmutenden Zeichen zu entziffern.

Sie kamen ihm vage bekannt vor, aber die Erinnerung, wo er solche Zeichen schon einmal gesehen hatte, ließ sich einfach nicht greifen. Sie schimmerte irgendwo gleich jenseits des Greifbaren. Verdammt. Er kam einfach nicht drauf. Ohne Hinweis formten sich keine Wörter oder gar Sätze vor ihm. Er legte das kleine Stück Papier wieder hin und gab auf. Für den Moment. Stattdessen beugte er sich über den toten Körper am Boden. Zerzaustes, braunes Haar klebte im trockenen Blut auf Gesicht und Boden fest. Die linke Wange war blau verfärbt, dort wo der Mann auf dem Boden gelegen hatte, die rechte dafür kreidebleich.
»Der ist ja schon ein paar Stunden tot«, bemerkte Volker.
»Sieht so aus, ja«, erklang die Stimme von Willi Brandt hinter ihm. Der Gerichtsmediziner zog sich gerade die Handschuhe an und zippte den Reißverschluss seines Vliesoveralls zu. »Und Sie haben schon wieder keinen Anzug an.«
Volker grummelte, wusste aber genau, dass der andere recht hatte. »T’schuldigung, ich schlafe nicht im Vliesanzug.«
»Warum nicht? Ist immer noch besser als Flanell mit Elchen oder Teetassen, oder?«

Volker gab sich geschlagen und machte sich auf den Weg in den Flur, wo das Team der Spurensicherung – kurz: SpuSi – ihr Arsenal sortierte. Kameras, nummerierte Schildchen, Pinsel und Pulver für die Fingerabdrücke und so weiter und so fort. Volker ließ sich einen weißen Overall geben, zippte sich ein, was mit den Handschuhen, die er ja bereits trug, gar nicht so einfach war, zog Schuhüberzieher über seine Camel Boots und die Kapuze über den Kopf und bedeutete Brunner, dasselbe zu tun.
»Ich hätte gern 360 Grad Aufnahmen vom Tatort und Videos, wie ihr hier durchgeht«, erklärte er. »Es ist alles beschrieben, überall wirre Zeichen und ich will wissen, welchen Sinn sie haben. Bitte macht ein Video, wenn ihr vom Wohnzimmer aus in den Wintergarten geht und wie ihr euch dann weiterbewegen würdet und dann eines von der Terrassentür nach drinnen.«

Die zwei Männer und eine Frau der SpuSi schauten ihn irritiert an, wussten es aber offensichtlich besser, als dass sie etwas hinterfragten. Bisher hatte Volker mit seinen Vermutungen fast immer richtig gelegen und sich viel Mühe gegeben, keine unnötige Arbeit zu verursachen. Es hatte hinterher immer alles einen Sinn ergeben, was auch die Kollegen von der SpuSi zugegeben hatten, also waren sie offenbar auch heute wieder geneigt, ihm seine Sonderwünsche zu erfüllen. Aber Volker wusste sehr wohl, dass sie ihn für ein wenig kauzig hielten. Sei’s drum.

Etwas später saß Volker im Durchgang vom Wohnzimmer in den Wintergarten und starrte mit leeren Augen durch das vermeintliche Schrift-Chaos hindurch. Seine Gedanken hingen der Frage nach, wo er solche Zeichen schon einmal gesehen hatte und was sie wohl mit dem Tod des bedauernswerten Achim Carstens zu tun hatten. Der hatte jedenfalls keinen Widerstand geleistet. Wenn Volker raten sollte – und bei der bisherigen Beweislage musste er das wohl – dann hätte er gesagt, dass Carstens völlig vertieft an dem klapprigen Tisch gesessen und der Mörder ihm einfach von hinten die Kehle durchgeschnitten hatte. Die Blutspuren auf dem Tisch sprachen dafür und ebenso das Fehlen von Kampfspuren im Raum sowie an der Leiche selbst, zumindest wenn der erste Blick nicht täuschte. Wenigstens war es wohl schnell gegangen. Bei Mord war das auch schon etwas wert. Volker hatte sich wieder einen der beschriebenen Zettel genommen. Geistesabwesend tappte er mit der Kante in seine offene Hand. Nein, er kam wirklich nicht drauf.

Der Rest des Hauses war sauber, offenbar war der Täter wirklich gezielt in den Wintergarten gekommen, hatte Achim Carstens ermordet und dann mit dessen Blut alles beschrieben, was es an Oberflächen im Raum gab. Inklusive der bereits bemalten Leinwände. Das würde noch ein schönes Stück Arbeit werden. Sein Blick streifte über die Wände und all die Bilder, die daran hingen. Viel urbanes Leben, Straßenschluchten mit sehr präzisen Fluchtpunkten. Ab und an Menschen darin, aber weitestgehend ganz geometrische Formen. An einem Bild jedoch blieb Volkers Blick hängen. Er legte den Kopf schief – irgendwie kam ihm das Bild vertraut vor. Nein, nicht das Bild, aber … Er ging hinüber und schaute sich das Blatt genauer an. Es hatte keinen Spritzer abbekommen. Eine Kreidezeichnung – die einzige im Haus. Und da, ganz deutlich im unteren rechten Eck stand ›Ander.S‹. Ganz eindeutig. Die Signatur, die Susi früher für ihre Bilder verwendet hatte. Volker traute seinen Augen nicht. Wo hatte der Tote ein Bild seiner Frau her? Exfrau. Wie auch immer.