Mord & Schokolade

Kapitel 1

»Du miese Ratte!« Rita tobte und machte zwei große Schritte auf Christian zu, der vergeblich versuchte, die Fassung zu bewahren. »Gottloser Dreckskerl! Ich hätte dich nie heiraten sollen!« Ihre Stimme hallte schrill von den blanken Wänden der entweihten Krypta wieder. Sand rieselte aus einem Mauerspalt am hinteren Ende, wo die Archäologen sich bis durch die Wand gegraben hatten.
»Rita, beruhige dich doch. Es ist alles nicht so, wie du denkst.«
»Nicht, wie ich denke? Nicht wie ich denke??? Was ist daran
denn anders zu denken, wenn ich herausfinde, dass du fremdgehst? Wer ist die Schlampe? Wie jung ist sie?«
»Rita, ich habe mit keiner …«
»Ach nicht?« Sie zog die Packung Kondome aus der Jacke, die sie am Mittag in seiner Tasche gefunden hatte. »Und was ist das hier?«
Christian wurde blass. Er war so vorsichtig gewesen, hatte immer so penibel darauf geachtet, dass es keine Anzeichen und schon gar keine Beweise gegeben hatte. Und nun hatte seine Frau tatsächlich etwas in der Hand. »Aber die sind doch für die Jugendgruppe … Ich habe da zwei erwischt und… Jetzt beruhige dich doch, Liebes.«
»Liebes??? Du wagst es noch, mich Liebes zu nennen? Und wieso genau sollte ich mich beruhigen?« Sie kam noch einen Schritt näher und ihr Blick schweifte dabei über die Gerüste und Baustellentische, die die Dombaustelle beherrschten. Sie fand einen großen Hammer auf dem Gerüst, griff ohne nachzudenken nach dem Werkzeug und war in der nächsten Sekunde erstaunt darüber, wie schwer es war. Doch ihre Wut war unbändig genug, dass sie es weitere drei Sekunden später schon wieder vergessen hatte und sich dabei fand, den völlig verdutzten Christian damit zu bedrohen. »Acht Jahre lang war ich dir treu! Acht Jahre!«
»Rita, du bist die einzige …«
»Acht! Jahre!!! In denen du die meiste Zeit unzählige Ausreden gefunden hast, um bloß keine Zeit mit mir zu verbringen! Ich wartete daheim und wo warst du? Hier!« Sie schwenkte den Hammer um sich in einer Geste, die den gesamten Bau mit einschloss.
»Ich machte mich hübsch für den gemeinsamen Abend im Theater und wo warst du? Mit der Jugendgruppe am Galgenberg!« Sie schwang den Hammer in die grobe Richtung, wo sich am Stadtrand die genannte Anhöhe befand. »Ich habe ein Fünf-Gänge-Menü gekocht zu deinem Geburtstag … Und wo warst du??? Mit dem Bischof im Bermudadreieck!!!« Wieder flog das Hammerende, diesmal in Richtung Friesenstraße. »Und jetzt das hier??? Ich wasche deine Baustellenklamotten, die du hier tagtäglich einsaust und du platzierst mir das Corpus Delicti auch noch direkt vor der Nase? Willst du mich eigentlich verarschen? Kirche, Beten, Arbeiten und jetzt Huren??? Willst du die gesamte Kirchengeschichte in einem einzelnen Leben nachstellen?«
»Rita, ich wollte dir doch nicht wehtun!« Christians Stimme klang nun flehend.
»Oh, du gibst es also zu? Aber ich will dir gerade wehtun, das kannst du glauben. Gleich noch vor dem Lieben Gott und Jesus selbst.«
»Rita! Zieh den Namen des Herrn nicht in den Schmutz!«
»Wie bitte?« Sie machte katzenartig wieder drei Schritte auf ihn zu und war nun fast dicht genug, dass sie ihn bei der nächsten Hammergeste mit dem schweren Instrument am Ende noch erwischen könnte. »Wenn der Herr so gütig ist, dann wird er dir vergeben, aber ich bin nicht der Herr! Ich bin nur deine Frau.«
»Ja eben, Rita! Meine Frau!!! Vertraust du mir denn gar nicht?«
Das war zu viel und Rita, die mit Geschrei und Gefuchtel schon einiges an wütender Energie herausgelassen hatte, brauste erneut auf, noch heftiger als zuvor.
»Vertrauen??? Mach, dass du hier herauskommst, sonst versündige ich mich wirklich noch an dir!!!«, schrie sie. Diesmal hallte es sogar oben im Dom
und Christian schrak zusammen. So hatte er Rita noch nie erlebt und bekam es tatsächlich mit der Angst zu tun.
»Rita, ich liebe dich doch!«, versuchte er, sie zu beschwichtigen, doch es klang kläglich. Und falsch. Tränen rannen ihre Wangen herunter und sie schüttelte gebrochen den Kopf.
»Das glaubst aber auch nur du.« Sie drehte sich zum Ausgang um, den Hammerarm schlapp an ihrer Seite hängend und in Christians Augen keimte ein Funken Hoffnung auf.
»Ich habe wirklich keine andere …«
»Und lügen kannst du auch. Hier im Dom. Baustelle hin oder her, aber dies ist noch immer ein Gotteshaus. Du versündigst dich. Schon seit acht Jahren. Du bist der verlogenste Mensch, der mir je begegnet ist. Ich will dich nicht mehr sehen. Bin ich froh, dass wir wenigstens keine Kinder bekommen haben, sonst hätte ich am Ende noch tagtäglich deine Visage vor Augen, auch
wenn ich mich von dir scheiden lasse.«
»Du willst dich scheiden lassen?« Jetzt klang Panik in Christians Stimme durch. »Du kannst dich nicht scheiden lassen! Vor allem kann ich mich nicht scheiden lassen! Wie sähe das denn aus?« Diesmal rannte er auf sie zu und packte seine Frau bei den Schultern. »Rita!!! Du kannst dich nicht scheiden lassen!!!!« Er griff fester zu und schüttelte sie.
»Und wie ich das kann!« Panisch riss sie sich los und sprang die ersten drei Stufen von der Krypta in den Dom hinauf.
»Rita!!!« Christians Stimme überschlug sich fast, als er ihr nachjagte und versuchte, ihr Bein zu greifen, als plötzlich ein lautes Krachen durch den Raum hallte.

 

Kapitel 2

»Damit sind Sie nun geschieden«, verkündete der Familienrichter. Susi hieß nun bald wieder Anders und nicht mehr Müller und war eine freie Frau. Sie fühlte sich unbeschreiblich – unsagbar deprimiert. Dass die Ehe mit Volker nicht funktioniert hatte, war wirklich schade. Zum Glück hatten sie es schon nach zwei Jahren bemerkt, dass es nichts mehr werden würde. Er war einfach ein Vollzeit-Polizist und kein Familienvater. Nicht, dass Susi jetzt nichts anderes in ihrem Leben fand, als Nachwuchs heranzuziehen, aber irgendwann wollte sie schon eine Familie haben. Nur Volker war einfach nicht der richtige Mann dafür. In Hamburg hatten sie sich kennengelernt, als Susi dort studierte und Volker gerade seine ersten Streifenfahrten absolvierte. Sie war mit dem Rad nach einer Party etwas angeschickert gegen ein Auto gefahren und Volker hatte sie – natürlich nachdem er ihre Personalien aufgenommen und den Fall notiert hatte – heimgebracht. Einen Führerschein hatte sie nicht, den er ihr hätte abknöpfen können, also nahm er am Ende ihre Hand. Das war nur vier Monate nach diesem vertrackten ersten Treffen und vermutlich nie die beste Idee gewesen. Anderthalb
Jahre darauf war er versetzt worden. Von der Großstadt ins beschauliche
Hildesheim. Mit den Hunderttausend Einwohnern zwar auch gerade so eine Großstadt, aber wirklich was los im kriminalistischen Sinne war hier nichts. Ein paar Drogendealer hier, ein paar Einbrüche da und ab und an mal ein überfahrener Fußgänger oder ein Unfall mit Todesfolge. Im Vergleich zu
Hamburg also alles Kinkerlitzchen. Und nun waren sie in Hildesheim. Und geschieden. Wieder am Markt, sozusagen, allerdings ohne ernst zu nehmenden Single-Markt. Dafür mit einem historischen Marktplatz, der nach dem spektakulären Wiederaufbau 1989 tatsächlich sehr ansehnlich geworden war.
»Wollen wir noch etwas Essen gehen?«, fragte Susi ihren Exmann und hakte sich bei ihm unter.
»Zur Goldmarie?«, schlug er vor.
»Hervorragende Idee.«
Sie schlenderten die Zingel hoch, am Theater vorbei und standen eine Viertelstunde später am Hindenburgplatz, der von der Jugend kurz PVH genannt wurde, schließlich an der Ampel und Volker fand endlich seine Worte wieder.
»Tut mir leid, dass es mit uns nicht geklappt hat.«
»Mir auch« gab Susi zu.
»Ist es wirklich ok, dass du jetzt erst einmal bei deiner Tante einziehst?«
»Jaja, Tante Paula freut sich schon auf Gesellschaft. Immer nur mit Karlo am Abend vorm Fernseher rumhängen, ist eh nichts für sie.«
»Das Mistvieh«, sagte Volker und hielt sich seine Hand mit den Kratzern vom vorigen Abend vors Gesicht.
»Du hättest den Kater ja nicht ärgern müssen. Ich an seiner Stelle hätte auch gekratzt, wenn du mir meine Decke weggenommen hättest«, lachte Susi leise.
»Sehr witzig.«
»Schon. Aber im Ernst, es wird uns allen guttun, wenn ich zu Tante Paula ziehe. Ihre neue Wohnung ist auch locker groß genug für zwei und einen Kater. Und sie ist nicht mehr so alleine. Sie hat sogar gesagt, dass ich in ihrem Laden arbeiten kann.«
»In diesem Schokoladen-Geschäft?«
»Ja genau. Das hat sie gerade vor zwei Monaten im Umgestülpten
Zuckerhut eröffnet.«
»Das neue Fachwerkhaus?«
»Ja genau. Das neu wiederaufgebaute, das da vorm Krieg schon stand.«
»Auch recht.«
»Stell dir vor, die vom Stadtmarketing haben gesagt, da wollte niemand rein.«
»Ach.«
»Ja wirklich. Sie wussten monatelang nicht, was sie mit dem Haus schließlich anfangen sollten. Und dann hatte irgendjemand die Idee, Tante Paula zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, dort eine Filiale zu eröffnen.«
»Eine Filiale? Deine Tante?«
»Ja hat sie ja dann auch nicht gemacht, stattdessen ist sie mit
dem ganzen Laden umgezogen. Direkt von Holle in die Stadt. War wohl eine ziemliche Aktion, aber jetzt ist sie seit zwei Monaten dort.«
»Holle oder Hölle?«
»Da kannst du jetzt knobeln«, grinste Susi ihn breit an. »Holle«, setzte sie nach. Ohne Ö-Striche, aber manchmal nahe dran. Dorf eben. Da war das Bittersweet natürlich schon bekannt, aber viel neue Kundschaft kommt in einem recht kleinen Nest natürlich nicht dazu. Und touristische Laufkundschaft ja schon mal gar nicht.«
»Das heißt, der Umzug in die Stadt hat sich zumindest rentiert?«
»Ich hoffe es doch. Ich denke, das werde ich morgen erfahren, da habe ich dort meinen ersten Tag.«
Volker hielt ihr die Tür zum Lokal auf und die beiden setzten sich an einen freien Tisch in der Mitte des Raumes und sie bestellten Getränke und jeder eine Pizza.
»Die mit Putenbrust ist super, die musst du probieren! Da ist statt Tomatensauce, Sauce Hollandaise, drunter«, meinte Susi und Volker tat, wie ihm geheißen. Zum Ende ihrer Ehe ein ganz neuer Zug an ihm. Als sie gerade mitten beim Essen waren, klingelte Volkers Telefon und mit vollem Mund meldete er sich.
»Mühher? Neim, neim, Sie stören nicht. … Ja, wir sind gerade beim Essen. … Nein, nicht selbst gekocht, wir sind zur Feier des Tages Essen
gegangen. … Nein, Scheidung. … Ja, im Ernst. … Bitte? … Wirklich?
… Wo? … Ach was. … Ich bin in fünf Minuten da. … Ja, wir sind keine fünfhundert Meter weg. Goldmarie. … Ja, die Putenbrustpizza ist hervorragend. Bis gleich …« Volker legte einen Zwanziger auf den Tisch und stand auf. »Es tut mir leid. Aber diesmal ist es wirklich wichtig.«
Susi seufzte. »Was ist es denn? Wurde ein Auto aufgebrochen und deine Kollegen haben wieder vergessen, welches Formular sie rausholen müssen?«
»Nein, diesmal ist es eine Leiche!«
Aufgeregt verließ er das Lokal und Susi blieb vollkommen verdattert zurück.

 

Dir hat die Leseprobe gefallen? Wunderbar! Das Buch gibt es gedruckt bei Deinem lokalen Buchhändler aber natürlich auch für alle gängigen eReader zu kaufen. Du kannst es natürlich auch bei Amazon bestellen.