Ripper

Dichter Regen klatschte auf Hausdächer, Sturzbäche, die das Pflaster der Whitechapel Road überspülten. Für Ende August war es ungewöhnlich kalt und Polly raffte den neuen Umhang noch enger um sich. Er war warm und kostete mehr als sie in zwei Monaten verdiente; sie hatte ihn und die dazugehörige Haube Mrs. Cowdry gestohlen, ehe sie deren Haus und Dienst verlassen hatte. Ihr schlechtes Gewissen wurde soeben vom Regen fortgewaschen, ebenso wie ihre Hoffnung, in dieser Nacht noch etwas Geld auftreiben zu können. Bei diesem Wetter war keiner freiwillig auf der Straße und jene die es sein mussten, waren bei den Löscharbeiten am Dock.

„Eine Nacht wie die Hölle“, dachte Polly beim Anblick des vom Feuer rot gefärbten Himmels, der es an Blitz und Donner nicht mangeln ließ; letzterer übertönte die elf Glockenschläge und Polly lief zum Frying Pan Pub, wo sie bislang noch immer die ein oder andere Einnahmequelle gefunden hatte. Oder wenigstens Gin.

Tatsächlich fand sie beides und alle Pennies, die sie zuvor verdient hatte und die ihr eigentlich eine halbwegs warme Nacht in einem der nahe gelegenen Lodginghäuser hätten bescheren sollen, spülten alsbald von innen wärmend ihre Kehle hinab. Schwankend begab sie sich wieder auf die Straße und sah zur Kirchturmuhr. Halb drei – wo sollte sie bei dem Regen noch einen Kunden auftreiben? Sie konnte es selbst kaum glauben, als ihr ein paar Straßen weiter tatsächlich ein älterer, gut gekleideter Herr entgegenkam. In dieser Gegend waren sonst nur Arbeiter unterwegs und diese waren zu dieser Stunde üblicherweise sturztrunken, aber dieser Mann sah weder betrunken aus, noch war er wie ein Arbeiter gekleidet. Er musterte sie von oben bis unten und sagte dann: „Willst du?“
Das ging ja noch viel einfacher als gedacht?
„Für drei Pence mache ich alles, was du willst.“

Er lächelte und zog sie in eine Seitengasse, wo er sie unter ein Vordach schob. Sie drehte sich um, präsentierte ihm ihren Rücken und zog ihren Rock hoch. Die drei Pence würden ihr in ein paar Minuten doch noch einen warmen Schlafplatz bereiten. Oder noch ein großes Glas Gin im Frying Pan… Der Mann griff an ihren Hals. Diese rabiaten Typen hatte sie nie leiden können – Angst ergriff sie. Sie wollte schreien, aber er presste seine Hand auf ihren Mund, die andere hielt ihre Hände wie verschnürt und plötzlich spürte sie einen entsetzlichen Schmerz an ihrer Kehle; dann wurde es dunkel um sie.

Der Doktor starrte auf das Blut, das langsam in abstrusen Bahnen die Wand hinunter troff. Noch immer hatte er das Bild im Kopf, seit er es vor einer Woche mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Erinnerung an den frischen Blutgeruch drängte sich in sein Bewusstsein und er hörte eine Frauenstimme in seinem Ohr – „ich will mehr!“ In seinen Augen begann es zu glänzen.

Die Küche des Lodginghauses war warm und die Ofenkartoffel noch heiß, als Annie sie hungrig in sich hinein stopfte. Es war schon nach Mitternacht und dies das erste, was sie an diesem Tag zu essen bekam. Eigentlich war es schon fast das Frühstück des nächsten Tages, doch an Schlaf war für Annie noch lange nicht zu denken. Leider, denn sie fühlte sich schon seit Tagen schlecht und ihre Tabletten gingen auch zur Neige. Genau wie ihr Geld. Seit dem Tod ihres Mannes musste sie es sich auf der Straße verdienen, sonst hatte sie nicht einmal mehr ein Bett im Lodginghaus. Aber lange würde sie es sowieso nicht mehr benötigen; dieser Husten würde sie früher oder später dahinraffen. Eher früher, dachte Annie. Sie zählte ihr Geld und fluchte leise. Dann nahm sie ihre Tablettendose aus der Tasche unter ihrem Rock und fluchte erneut, als diese beim Öffnen zerbrach. Seufzend erhob sie sich und nahm einen alten Briefumschlag vom Sims, gab ihre letzten Tabletten hinein, verstaute alles in der Tasche und machte sich auf den Weg zum Herbergsvorsteher.

„Tim, ich habe noch kein Geld für mein Bett. Aber ich bin bald wieder da. Bitte vergib es nicht anderweitig, ja?“
„Du treibst genügend Geld fürs Bier auf, aber fürs Bett hast du keins?“, neckte er sie, doch sie war schon zur Tür hinaus.

Lange Zeit streifte sie durch die Pubs und die umliegenden Straßen, doch scheinbar war in dieser Nacht niemandem nach etwas Ablenkung zumute. Das Morgengrauen kroch bereits über London, als ihr ein gut gekleideter Mann auffiel, der an einer Hausmauer lehnte. Sie sah ihn an und er lächelte.

„Willst du?“ fragte er.
Erleichtert und mit der Aussicht auf ein warmes Bett sagte sie ja. Durch einen Mauerdurchgang führte er sie in einen Hof, nahm sie an der Taille und drückte sich an sie, griff sie bei den Schultern und drückte sie nach hinten an den hölzernen Zaun, der diesen Hof vom nächsten trennte. Annie biss die Zähne zusammen, der Mann war nicht zimperlich. Er drehte sie langsam um, wie um sie von hinten zu nehmen. Mit der Linken hielt er ihr Kinn so fest, dass es schmerzte.
„Nein!“ rief Annie, doch im nächsten Moment fühlte sie, wie sich seine Hände um ihre Kehle schlossen. Sie würgte und rang verzweifelt um Luft. Kurz bevor sie das Bewusstsein verlor spürte sie noch einen kalten Schmerz an der Kehle und war schon tot, als ihr Körper gegen den Zaun fiel.

„Gut gemacht, Herr Doktor.“ hörte er die Frauenstimme neben sich. Die dazugehörige Frau kniete nieder, schob Annies Beine auseinander und ihr langes, spitzes Messer in die weiche Haut des toten Leibs. Geschickt schnitt sie einzelne Teile aus dem Unterleib. Wie flink sie war!
„Schauen sie sich diese Leber an! Nein, wie schrecklich.“ Einige spitze Bemerkungen über den Gesundheitszustand der Toten später stand sie wieder neben ihm, einen Beutel in der Hand, in der Rechten noch immer das lange Messer.
„Lassen sie uns gehen.“ Der Doktor blickte noch einmal zurück und bewunderte das faszinierende Kunstwerk; die Gedärme waren nicht mehr an ihrem üblichen Platz, sondern lagen über der Schulter des Leichnams. Er sah sie fragend an, doch sie lächelte nur.

Die Frauen saßen in der Küche des Lodginghauses zusammen, einige weinten. Dark Annie hatten sie alle gekannt, die meisten auch Polly. Beide waren gute Seelen gewesen und beide waren in nur wenigen Tagen getötet worden – Polly am Freitag, Annie am Samstag in der Woche darauf. Das war nun  fast drei Wochen her, doch dieser Umstand minderte die allgemeine Angst unter den Frauen kein bisschen.
„Wir sind  alle verflucht, es kümmert niemanden, was aus uns wird! Vielleicht ist eine von uns hier als nächste dran!“, schluchzte eine der Jüngeren; ein Gedanke, den sie alle bereits gehabt, ihn aber nicht auszusprechen gewagt hatten.
„Aber wir müssen doch auf die Straße gehen, sonst haben wir nicht einmal das Geld für ein Bett.“
„Aber die Straßen sind nicht sicher!“
„Nein, aber ohne Geld haben wir nur noch die Straße und können nicht einmal mehr hierher zurückkommen.“
Die Verzweiflung war den meisten Frauen deutlich anzumerken.
Liz meldete sich zu Wort: „Wir haben keine Wahl, oder?“ Sie wischte sich über die feuchten Augen, schob ihre Haube über den dunklen Locken zurecht und war schon auf dem Weg zur Tür. Einige zögerten, doch auch sie mussten einsehen, dass sie ohne Geld kein sicheres Plätzchen hatten und ohne jetzt hinauszugehen, kein Geld.

Der Doktor lehnte an der Ziegelwand eines dunklen Durchgangs und beobachtete das späte Treiben. Das nahe Pub war gut besucht, die Frauen machten dort und in den umliegenden Seitenstraßen ihre Arbeit. Die große mit den Locken war tüchtig. Eine Kirchturmuhr schlug halb eins. Er sah sich um; sie stand am Ende des stockdunklen Durchgangs. Ihr Kopfnicken erahnte er mehr, als dass er es sah. Die Dunkelhaarige kam gerade wieder aus einer Seitenstraße hervor und hielt auf das Pub zu. Als sie fast auf seiner Höhe war, stieß er sich von der Wand ab und machte zwei Schritte auf sie zu. Sie lächelte ihn an.
„Hallo mein Hübscher, heute Abend noch etwas vor?“
„Ja, mit dir. Willst du?“
Sie hob verschmitzt die Brauen und er nahm sie am Arm und zog sie zu dem dunklen Durchgang.
„Nein, nicht hier!“, rief Liz. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Den ganzen Abend hatte sie es vermieden, in uneinsehbare Höfe, dunkle Ecken oder ähnliches zu geraten. Der Doktor griff fester zu und wollte sie an die Wand drücken, doch sie bewegte sich zu schnell und statt gegen die Wand fiel sie auf den Boden.

Schon sah er, wie seine Begleiterin der Frau das lange Messer durch die Kehle zog. Das Opfer lag auf der Seite und das Blut spritzte gegen die Wand. Hinter ihnen scheute ein Pferd, und der Schreck fuhr beiden in die Glieder.
„Wir sollten verschwinden“, raunte er und zog sie mit sich in den nur wenig helleren Hof. Der Fahrer des Fuhrwerks war abgestiegen und hatte die verblutende Frau gefunden.
„Heyda, aufwachen. Was schlafen sie denn hier? Hey! Aufwachen!“ Er drehte sich um und ging, wohl um aus dem Pub eine Laterne zu holen oder einen Eimer Wasser.
„Wir müssen hier weg“, raunte der Doktor. Sie nickte und so still wie möglich zwängten sie sich an dem Fuhrwerk vorbei. Kaum waren sie auf der Straße, hakte sie sich bei ihm unter.
„Seien sie still. Alle werden denken, wir wären ein Paar, das zu später Stunde unterwegs ist. Im schlimmsten Fall halten sie mich für eine Prostituierte wie die da,“ wisperte sie und deutete mit dem Kinn in Richtung der mittlerweile sicherlich toten Frau.

Derweil stolperte Kate Kelly einige Straßen weiter aus dem Polizeigebäude, in dem sie die letzten Stunden in einer Ausnüchterungszelle verbracht hatte und machte sich auf den Weg zurück zu dem Pub, in welchem sie zuvor ausgiebig den Gin getestet hatte. Ihre Wege kreuzten sich ein gutes Stück von dort entfernt, wo der Doktor und seine Begleiterin Liz unverrichteter Dinge (naja, fast unverrichteter Dinge) zurückgelassen hatten. Sie stieß ihn sacht in die Seite.
„Die da“, sagte sie und er sah sie verwundert an.
„Zwei in einer Nacht?“ Sie nickte und er musste unwillkürlich lächeln. Die Frau gefiel ihm! Er sammelte sich und schritt dem frischen Opfer entgegen, das einen deutlich unsichereren Gang an die Nacht legte.
„Na hallo, was haben wir denn da!? So ein Süßer sollte um diese Zeit schon längst im Bett sein.“ Sie zwinkerte mit einem Auge. Er lächelte sie an. Ihre Hand wanderte seinen Brustkorb entlang. Sie zog ihn zur Hausecke ohne die Frau zu bemerken, die ihnen im Schatten folgte. Er packte sie am Handgelenk und schleifte sie bis ins Eck des kleinen Platzes, auf welchem sie angekommen waren. Sie war zu betrunken, um sein Manöver problemlos mitzuspielen und fiel. Zu benommen, um den Schnitt durch ihre Kehle zu spüren war sie bereits tot, als die Frau ihr Werk begann.
„Sie ist zu hübsch, um eine Prostituierte zu sein,“ sagte sie und schnitt ihr durchs Gesicht. Ein weiterer Schnitt trennte die Nase fast heraus. Die Augenlieder zerfielen beinahe unter ihren schnellen Messerstreichen. Erst als von Kates Gesicht fast nichts mehr übrig und auch ein Ohr zur Hälfte abgetrennt war, wandte sie sich dem Unterleib zu.
„Nein, lassen sie mich heute einmal.“
Sie schaute auf. „Aber Herr Doktor! Sie sind doch schon lange außer Dienst!“
„Sie auch, Schwester!“ Er kniete sich an ihren Platz und schlitzte die Bauchdecke in einem wilden Muster auf, stach ein paarmal willkürlich hinein und hob schließlich alle Gedärme heraus um sie quer über die Schulter der Frau zu legen. Sie nickte ihm anerkennend zu, dann schnitt sie ein Stück Darm heraus und platzierte es neben Kates linkem Arm. Diesmal war es an ihm, anerkennen zu nicken. Sie zwinkerte ihm zu. Von irgendwo her nahm sie einen Beutel, packte eine Handvoll ausgesuchter Kleinteile hinein und stand schon neben ihm, als dieser noch neben ihrem gemeinsamen Werk kniete.
„Ja, das kann man so lassen“, sagte sie mit einem zufriedenen Blick auf den geschundenen Körper am Boden. „Lassen Sie uns gehen.“

Gleich und gleich gesellt sich gern, heißt es und Mord verbindet nun einmal. Vor Jahren hatten der Doktor und die Schwester ihre gemeinsame Leidenschaft im Krankenhaus St. Thomas entdeckt. Wie vielen unheilbar kranken Patienten sie unnötiges Leid erspart hatten! Oh ja, und dann waren da noch die ‘ungeklärten’ Todesfälle – so eine gemeinsame Obduktion dann und wann war immer ein besonderes Vergnügen. Vor allem, wenn der Tod des Patienten erst während der Prozedur eintrat … Aber das war ja nicht das reale Leben. Die Leute lagen ja bereits im Spital wenn sie ihr und dem Doktor begegneten. So schlenderten sie nun durch das nächtliche Whitechapel und beobachteten das Geschehen.
„Diese Frauen! Bringen sich und andere in Verruf!“ hatte die Schwester geklagt. „Wie viele von ihnen mit den widerlichsten Krankheiten bei uns vorsprechen, dass wir ihnen helfen!“
Der Doktor nickte zustimmend, war allerdings auch etwas verlegen, schließlich hatte er die Dienste der Frauen oft genug in Anspruch genommen und für zwei oder drei Pence oder manchmal einen halben Laib Brot bekommen, was er wollte. Und bei ihrem letzten Spaziergang im August hatte sie ihn dann gebeten, eine der Frauen für sie anzusprechen, nur dass diese Minuten später nicht mehr sprechen konnte.
„Herrje, mit was für Infektionen die schon auf der Straße herumrennen! Wollen sie mal sehen?“
Das war vor acht Wochen gewesen und auch an diesem Abend sollte er wieder einmal Glück haben; schon nach 50 Yards auf dem Weg zum nächsten Pub hörte er ihre Stimme aus dem Schatten.
„Herr Doktor! Einmal noch…“ Sie stand nur zwei Yards von ihm entfernt im Schatten eines klapprigen Vordachs.
Er seufzte tief. „Aber ja, mit ihnen doch immer, Miss Nightingale.“

© Klaudia Zotzmann-Koch, 2006
(Originaltitel: “Whitechapel, 1888”)