Schlechte Karten

„Ach Du Scheiße.“ Volker schlug die Hand vor Nase und Mund, um den Geruch auszublenden. Eine krude Mischung aus Fäulnis, dem beißenden Geruch von Exkrementen, abgebrannten Kerzen, Räucherstäbchen und verschiedenen Kräutern und Blumen. Besonders der Duft der halbtrockenen Kräuter legte eine Art matte Decke über die olfaktorische Szenerie, die von Leichengeruch und Exkrementen unangenehm durchstochen wurde. Volker fragte sich immer, wie Menschen darauf kamen, dass Leichengeruch etwas mit „süßlich“ zu tun habe. Keiner von denen hatte jemals ein schlechtes Steak im Kühlschrank gehabt. Oder einen Toten im Keller. Wie in einer Bäckerei roch es hier jedenfalls nicht. Sah auch nicht danach aus. Überall an den Wänden des winzigen Raums hingen Bündel von halbvertrockneten Blumen und Kräutern herunter.

Sein Kollege Brunner drängte sich hinter ihm in den Raum, wiederholte Volkers eingängliche Bemerkung, tat ihm auch die Geste nach und stürzte würgend wieder hinaus. Volker ignorierte die darauf folgende Geräuschkulisse und schaute sich stattdessen aller Übelkeit zum Trotz um. Sie befanden sich in einem winzigen Häuschen, kaum größer als ein durchschnittliches Gartenhaus. Der Garten drum herum, durch den sie auf ihrem Weg hierher gegangen waren, hatte einen sehr überwucherten Eindruck gemacht und an einer Stelle wäre Volker beinahe mit dem Fuß in einem dicken Geflecht von Kriechpflanzen hängengeblieben. Ja, der Garten könnte ein Paar kräftige Hände gebrauchen. Oder zwei. Oder zwölf.

Hereingekommen waren sie durch die kleine Küche, in der sich Brunner geräuschvoll in die Spüle übergab. Volker hoffte zumindest sehr, dass es die Spüle war. Und dass er dort gerade keine Beweise vernichtete. Er fasste sich ein Herz und lugte aus dem Wohnzimmer zurück in die Küche. Alte, abgeschlagene Emaille-Töpfe und gusseiserne Pfannen, wie Volker sie von seiner Großmutter noch kannte, hingen über dem Herd, der zumindest bereits ein Elektromodell war. Eine Mikrowelle und ein altertümlicher Einmachtopf drängten sich auf einer blauen Anrichte zusammen. Daneben würgte Brunner noch immer über der Spüle. Immerhin.

Volker fand die Zusammenstellung von allem hier drinnen irritierend, aber er konnte den Finger noch nicht genau darauf legen, was es war. Auch zurück im Wohnzimmer, in dem er kurz darauf wieder mit vor die Nase gepresster Hand stand, war alles zusammengewürfelt. Alt und halbwegs neu, das Fehlplatzierteste war wohl das Smartphone auf dem Tisch neben bunten Spielkarten, die in einem geometrischen Muster verteilt waren. Aber noch etwas gehörte nicht dazu.

„Wie Patience sieht das aber nicht aus“ murmelte Brunner, der offenbar seine vormalige Beschäftigung aufgegeben und sich zu Volker gesellt hatte. Volker kramte kurz in seiner Hosentasche, reichte dem Kollegen wortlos eine Packung Pfefferminz-Dragées und bemerkte trocken: „Tarot.“
„Ich dachte, das spielt man zu viert?“
„Das wäre Tarock.“
„Und das hier?“
„Tarot. Brunner, das sind Wahrsagekarten.“ „Gehört das Messer dazu?“
Brunner deutete auf das Messer mit dem verzierten roten Griff, das in der Tischplatte steckte und dabei eine der Karten aufgespießt hatte.
„Nein, das gehört nicht dazu.“
„Gehört wohl zu dem anderen, das in der Frau steckt…“ Volker drehte sich abrupt um. Brunner stand einen Meter weiter rechts, von dort aus konnte man sehr deutlich sehen, woran die Frau gestorben war. Dasselbe Schicksal, das schon der Tarotkarte auf dem Tisch widerfahren war. Und tatsächlich sah das Messer verblüffend ähnlich aus. Nur war ein Griff rot und der andere tiefblau.
„Hübsches Stück.“
„Seit wann stehen Sie auf Rothaarige? Ich meine, ohne das ganze Blut und die Leichenstarre gefiele sie mir ohnehin besser.“
„Brunner! Ich meine das Messer!“
„Oh. Ja klar.“
Volker schaute sich die Frau noch einmal genauer an. Sie war erstaunlich jung für die Umgebung. Er hatte bei der Hütte eine alte Frau in Kittelschürze erwartet. Das war es, was ihn irritiert hatte. Die ganze Einrichtung passte eher zu einem alten Mütterlein oder einem Junggesellen, der keinen Wert auf die Einrichtung legte. Nichts passte zusammen. Kein Messie-Haushalt, nein. Es war nichts vollgestopft und auch nicht schmutzig. Aber es gab nichts, was „zuviel“ gewesen wäre. Alles hier drinnen sah so aus, als würde es benutzt. Mehr oder weniger regelmäßig. Kein Nippes. Kein Bücherregal. Keine Zeitschriften und nichts, was auch nur annähernd so aussah, als wäre es zu Dekorationszwecken da. Und hier sollte eine Frau gelebt haben? Vermutlich die Tote, die auf den ersten Blick vielleicht Ende Dreißig, Anfang Vierzig war, dazu rothaarig, schlank.

Sie trug einen abgewetzten Rock aus grauem Cord, dazu eine psychedelisch gemusterte Leggings in Grün und Orange, schwarze Socken mit weißen Punkten und rote, lederne Schnürschuhe mit gelben Schnürsenkeln. Dieser Kleidung nach war sie wohl eine ‚Alternative‘ – nicht, dass er bei dem ganzen Kräuterkram nicht ohnehin darauf hätte kommen können. Interessant, dass sie eine Jacke anhatte. Eine kleine Tasche, aus der einige noch buntere Kleidungsstücke herausquollen, lag gleich neben ihr. Volker identifizierte mindestens zwei Shirts und mehrere Teile Unterwäsche und runzelte die Stirn.

„Gut, lassen Sie den Gerichtsmediziner und die Spurensicherung rein. Ich rufe meine Exfrau an.“ „Erinnert Sie der Anblick von toten Frauen immer an Ihre Exfrau?“
„Nein, aber sie kennt sich mit Tarot aus und kann uns sicher sagen, was es zu bedeuten hat, wenn ein Messer in…“ Er beugte sich über den Tisch und versuchte, die Schrift auf den schon sehr abgegriffenen Karten besser lesen zu können. „… in der Sonne steckt.“

 

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