Lügen haben weiße Beine
Diese Geschichte war bis Dezember 2025 in der Anthologie "Et Voilà" erhältlich und ist jetzt nicht mehr im Handel.
Leseprobe
Hannes sah so aus, als würde er den Urlaub in der Gascogne dringend brauchen. Allerdings schien er nicht absichtlich in das größte Ereignis des Jahres hier gestolpert, sondern sehr überrascht zu sein, dass in einem Dorf, das heute nur noch etwas mehr als 700 Menschen und in etwa genauso viele Ziegen hat, überhaupt so einen Trubel zu erleben. Der Zeltplatz war voll, die Herbergen in den umliegenden Orten auch und alle Anlegeplätze am Fluss ebenfalls. Menschen aus aller Welt kamen nach Moncrabeau, um sich – wie jedes Jahr – die phantastischsten Geschichten zu erzählen.
Hannes kam an jenem Morgen aus dem Zelt wie alle anderen auch, bis auf die, die aus ihren Hausbooten kamen. Bunte Wimpel hingen im Zickzack über den Straßen des Dorfs.
Uns hatten sie wieder rote und weiße Bänder an die Hörner gebunden. Es ist schön, dass wir immer mitmachen dürfen. Wir würden uns aber auch so die Geschichten nicht entgehen lassen, das können Sie glauben.
Ach herrje, wir plappern einfach so drauf los. Gestatten Sie, dass wir uns kurz vorstellen. Unser Name ist Blanchette. Wir heißen alle Blanchette. Was eine von uns weiß, wissen alle anderen auch. Was eine von uns vor vielen Jahren erfahren hat, wissen wir noch heute. Wir sind die Seele und die Wahrheit dieses Ortes. Und wir freuen uns, dass Sie uns besuchen. Wir mögen Besuch. Und wir mögen Geschichten.
Wir erinnern uns noch gut daran, wie die Menschen damit anfingen, erdachte Geschichten zu erzählen. Damals war der Ort nicht größer als jetzt, aber damals gab es mehr Menschen als heute, die sich von Tag zu Tag durchschlugen. Sie saßen auf dem Markt und erzählten Geschichten. Erst wahre über dies und das, über Menschen im Dorf und in der Umgebung. Und als ihnen die Geschichten ausgingen und die Zeit lang wurde, da erfanden sie Geschichten. Sie maßen einander an den Geschichten und irgendwann fingen sie an, den Geschichtenkönig – oder die Königin, müssen wir sagen – zu küren. So einen Spaß hatten sie daran, dass sie vor über 270 Sommern einen steinernen Thron für die Menschen errichteten, die die besten Geschichten erzählten. Etwas wagemutig, wo Könige hier gar nicht mal so gut weggekommen sind. C’est la vie!
Hannes jedenfalls wusste offenbar nicht, was ihn erwartete. Abends zuvor war er zu müde gewesen, hatte sich nur über den vollen Campingplatz gewundert. Gut, dass er schon Monate vorher reserviert hatte. Dass er dabei den ersten Sonntag im August erwischt hatte, war Hannes’ Deadline für seine Uni-Arbeit geschuldet, nach der er dringend ein paar Tage raus wollte: Schlafen, gutes Essen, was anderes sehen als Bücher, Onlinequellen und sein Schreibprogramm. Das hatte er auch so in der Redaktion angemeldet, wo er seit Jahren neben dem Studium arbeitete und die gaben ihm den Urlaub gern. Und hier war er nun, weil Hannes seit Schulzeiten einen Brieffreund in Nérac hatte. Der hatte Moncrabeau vorgeschlagen und geschrieben, er würde heute hier sein.
Auf der Brücke über die Baïse wurde der Strom von Menschen in den Ort von den Frauen in ihren langen roten Kleidern und weißen Hauben begrüßt. Viele Besucher waren bekannt, einige wollten auch zum wiederholten Mal selbst eine Geschichte vortragen.
Wir freuten uns schon auf die Geschichten einer jungen Frau aus Kanada, die uns im Jahr zuvor schon gut unterhalten hatte. Und der ältere Mann aus Spanien war auch wieder da. Dessen Geschichten hatten uns die letzten drei Jahre erfreut und wir hatten sie einander immer wieder erzählt. Und Hannes würden sie auch gefallen, da waren wir uns sicher. Auch wenn er bei seinem Gang über die Brücke in den Ort etwas verloren aussah.
»Na schau! Hannes! Das wollte ich dir zeigen.«
Hannes fuhr herum. Hinter ihm war neben einer Ziege ein junger Mann, etwa im selben Alter wie Hannes aufgetaucht.
»Étienne!«
Die beiden begrüßten einander.
»Die Ziege hat dir zugezwinkert.«
Oh, so ein aufmerksamer junger Mann! Dieser Étienne gefällt uns.
»Können Ziegen überhaupt zwinkern?«
Pfffff.
»Wo sind wir hier reingeraten? Ich lasse mich ja gerne überraschen. Aber nicht, dass das hier ein Schlachtfest ist und die Ziege mit den roten Bändern gleich draufgeht.«
Da sind wir ganz auf seiner Seite.
Hannes kramte sein Telefon aus der Tasche. »Wie heißt der Ort hier noch?«
»Moncrabeau.«
Hannes wischte auf dem Telefon herum. »Ach was. … Das heißt im lokalen Dialekt Ziegenhügel? … Ziegen scheinen hier eine lange Tradition zu haben.«
Allerdings. Wir sind die Seele und das Gedächtnis dieses Ortes. Irgendjemand muss sich bei den ganzen Lügengeschichten ja auch noch an die Wahrheit erinnern.
Hannes wischte weiter. »Ein Lügenfestival?!«

